Alles rund um ADHS
ADHS und Lebenserwartung
Von David Beck · · ca. 2 Min. Lesezeit
Viele denken bei ADHS hauptsächlich an Konzentrationsschwierigkeiten, Impulsivität oder Hyperaktivität. Doch eine neue Studie verdeutlicht nun gravierendere Folgen: Erwachsene mit ADHS haben eine deutlich geringere Lebenserwartung als ihre nicht betroffenen Altersgenossen.

Die Studie, um die es geht
Anfang 2025 veröffentlichte ein Team des University College London um Liz O'Nions eine Untersuchung, die es bis in die Tagesnachrichten schaffte: Auf Basis britischer Hausarztdaten von rund 30.000 Erwachsenen mit ADHS-Diagnose errechneten die Forschenden eine reduzierte Lebenserwartung von 4,5 bis 9 Jahren bei Männern und 6,5 bis 11 Jahren bei Frauen gegenüber der Allgemeinbevölkerung (O'Nions et al., 2025, The British Journal of Psychiatry).
Das ist eine drastische Zahl — und genau deshalb lohnt es sich, sie richtig zu lesen.
Was die Zahl bedeutet — und was nicht
Zuerst das Wichtigste: ADHS ist keine tödliche Erkrankung, und diese Studie behauptet das auch nicht. Sie zeigt einen statistischen Zusammenhang auf Bevölkerungsebene, kein Schicksal für den Einzelfall. Drei Einordnungen gehören dazu:
Erstens: Die Studie erfasste nur diagnostizierte Erwachsene — in Großbritannien eine kleine, tendenziell stärker belastete Minderheit aller Betroffenen. Menschen mit milderem Verlauf oder guter Kompensation, die nie eine Diagnose bekamen, fehlen in den Daten. Der wahre Durchschnittseffekt ist also vermutlich kleiner.
Zweitens: ADHS verkürzt das Leben nicht direkt. Die Differenz entsteht über vermittelnde Faktoren — und fast alle davon sind beeinflussbar.
Drittens: Die Autor:innen selbst ziehen aus den Daten vor allem einen Schluss: Erwachsene mit ADHS werden vom Gesundheitssystem schlecht versorgt. Die Studie ist weniger eine Nachricht über ADHS als eine über Versorgungslücken.
Die Mechanismen: Warum das Risiko überhaupt steigt
Die Forschung kennt die Kette gut. Unbehandeltes ADHS erhöht die Wahrscheinlichkeit für Raucherstatus, problematischen Alkohol- und Substanzkonsum („Selbstmedikation", siehe ADHS und Suchterkrankungen), für Unfälle durch Impulsivität und Unaufmerksamkeit, für Depressionen und Angststörungen als unbehandelte Begleiter — und, unspektakulär, aber folgenreich: für verpasste Vorsorge, abgebrochene Behandlungen und chaotisches Medikamentenmanagement bei ganz anderen Erkrankungen. Wer Briefe nicht öffnet, öffnet auch Einladungen zur Krebsvorsorge nicht.
Genau darin liegt die eigentliche Botschaft: Jedes Glied dieser Kette ist ein Ansatzpunkt. Nichts davon ist unausweichlich.
Der beeinflussbare Faktor: Diagnose und Behandlung
Der erste Schritt in dieser Kette ist immer derselbe — wissen, womit man es zu tun hat. Eine Diagnose macht aus zwanzig scheinbar unzusammenhängenden Problemen (Rauchen, Unfälle, Jobverlust, Beziehungsstress, vergessene Arzttermine) ein behandelbares Muster. Skandinavische Registerstudien deuten zudem darauf hin, dass eine laufende ADHS-Behandlung mit deutlich weniger Unfällen, weniger Substanzmissbrauch und geringerer Sterblichkeit einhergeht.
Wenn du den Verdacht schon länger mit dir herumträgst: Der kostenlose ADHS-Selbsttest ist ein Fünf-Minuten-Anfang, die vollständige Diagnostik der belastbare zweite Schritt — ohne die monatelange Warteliste, die laut UCL-Team Teil des Problems ist.
Fazit
Die UCL-Zahlen sind kein Grund zur Panik, aber ein guter Grund, ADHS im Erwachsenenalter ernst zu nehmen — so ernst wie Bluthochdruck: unbehandelt riskant, behandelt gut beherrschbar. Der Unterschied zwischen beiden Zuständen beginnt mit einer Diagnose.
Literatur
O'Nions, E., et al. (2025). Life expectancy and years of life lost for adults with diagnosed ADHD in the UK: matched cohort study. The British Journal of Psychiatry.
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