Alles rund um ADHS
ADHS und Lebenserwartung
Von David Beck · · Aktualisiert am · ca. 4 Min. Lesezeit

Viele denken bei ADHS hauptsächlich an Konzentrationsschwierigkeiten, Impulsivität oder Hyperaktivität. Doch eine neue Studie verdeutlicht nun gravierendere Folgen: Erwachsene mit ADHS haben eine deutlich geringere Lebenserwartung als ihre nicht betroffenen Altersgenossen.
Die Studie, um die es geht
Anfang 2025 veröffentlichte ein Team des University College London um Liz O'Nions eine Untersuchung, die es bis in die Tagesnachrichten schaffte: Auf Basis britischer Hausarztdaten von rund 30.000 Erwachsenen mit ADHS-Diagnose errechneten die Forschenden eine im Schnitt um 6,8 Jahre bei Männern und 8,6 Jahre bei Frauen geringere Lebenserwartung gegenüber der Allgemeinbevölkerung; die statistische Unsicherheit reicht von 4,5 bis 9,1 Jahren bei Männern und von 6,5 bis 10,9 Jahren bei Frauen (O'Nions et al., 2025, The British Journal of Psychiatry).
Das ist eine drastische Zahl — und genau deshalb lohnt es sich, sie richtig zu lesen.
Was die Zahl bedeutet — und was nicht
Zuerst das Wichtigste: ADHS ist keine tödliche Erkrankung, und diese Studie behauptet das auch nicht. Sie zeigt einen statistischen Zusammenhang auf Bevölkerungsebene, kein Schicksal für den Einzelfall. Drei Einordnungen gehören dazu:
Erstens: Die Studie erfasste nur diagnostizierte Erwachsene — in Großbritannien eine kleine, tendenziell stärker belastete Minderheit aller Betroffenen. Menschen mit milderem Verlauf oder guter Kompensation, die nie eine Diagnose bekamen, fehlen in den Daten. Der wahre Durchschnittseffekt ist also vermutlich kleiner.
Zweitens: ADHS verkürzt das Leben nicht direkt. Die Differenz entsteht über vermittelnde Faktoren — und fast alle davon sind beeinflussbar.
Drittens: Die Autor:innen selbst ziehen aus den Daten vor allem einen Schluss: Erwachsene mit ADHS werden vom Gesundheitssystem schlecht versorgt. Die Studie ist weniger eine Nachricht über ADHS als eine über Versorgungslücken.
Die Mechanismen: Warum das Risiko überhaupt steigt
Die Forschung kennt die Kette gut. Unbehandeltes ADHS erhöht die Wahrscheinlichkeit für Raucherstatus, problematischen Alkohol- und Substanzkonsum („Selbstmedikation“, siehe ADHS und Suchterkrankungen), für Unfälle durch Impulsivität und Unaufmerksamkeit, für Depressionen und Angststörungen als unbehandelte Begleiter — und, unspektakulär, aber folgenreich: für verpasste Vorsorge, abgebrochene Behandlungen und chaotisches Medikamentenmanagement bei ganz anderen Erkrankungen. Wer Briefe nicht öffnet, öffnet auch Einladungen zur Krebsvorsorge nicht.
Genau darin liegt die eigentliche Botschaft: Jedes Glied dieser Kette ist ein Ansatzpunkt. Nichts davon ist unausweichlich.
Der beeinflussbare Faktor: Diagnose und Behandlung
Der erste Schritt in dieser Kette ist immer derselbe — wissen, womit man es zu tun hat. Eine Diagnose macht aus zwanzig scheinbar unzusammenhängenden Problemen (Rauchen, Unfälle, Jobverlust, Beziehungsstress, vergessene Arzttermine) ein behandelbares Muster. Skandinavische Registerstudien deuten zudem darauf hin, dass eine laufende ADHS-Behandlung mit deutlich weniger Unfällen, weniger Substanzmissbrauch und geringerer Sterblichkeit einhergeht.
Wenn du den Verdacht schon länger mit dir herumträgst: Der kostenlose ADHS-Selbsttest ist ein Fünf-Minuten-Anfang, die vollständige Diagnostik der belastbare zweite Schritt — ohne die sonst oft monatelange Wartezeit auf einen Diagnostikplatz.
Fazit
Die UCL-Zahlen sind kein Grund zur Panik, aber ein guter Grund, ADHS im Erwachsenenalter ernst zu nehmen — so ernst wie Bluthochdruck: unbehandelt riskant, behandelt gut beherrschbar. Der Unterschied zwischen beiden Zuständen beginnt mit einer Diagnose.
Häufige Fragen
Wie stark verringert ADHS die Lebenserwartung laut Studie?
Laut der britischen Studie auf Basis von Hausarztdaten liegt die rechnerische Lebenserwartung bei Männern mit ADHS-Diagnose im Schnitt 6,8 Jahre und bei Frauen 8,6 Jahre unter dem Durchschnitt. Die Zahl bezieht sich nur auf diagnostizierte Erwachsene, also eine kleine und stärker belastete Gruppe. Sie beschreibt einen statistischen Zusammenhang auf Bevölkerungsebene, kein persönliches Schicksal.
Bedeutet ADHS und Lebenserwartung, dass ADHS tödlich ist?
Nein, ADHS ist keine tödliche Erkrankung und die Studie behauptet das auch nicht. Die geringere Lebenserwartung entsteht nicht direkt durch ADHS, sondern über vermittelnde und fast immer beeinflussbare Faktoren wie Rauchen, Substanzkonsum, Unfälle, Depressionen und verpasste Vorsorgeuntersuchungen. Deshalb ist die Botschaft der Autorinnen und Autoren vor allem ein Hinweis auf Versorgungslücken, nicht auf ein unvermeidbares Risiko.
Warum sind ADHS und Lebenserwartung überhaupt verbunden?
ADHS und Lebenserwartung sind über indirekte Risikoketten verbunden, die sich im Alltag summieren. Unbehandeltes ADHS erhöht die Wahrscheinlichkeit für Rauchen, problematischen Alkohol- und Substanzkonsum, für Unfälle durch Impulsivität und Unaufmerksamkeit, für Depressionen und Angststörungen sowie für chaotisches Medikamentenmanagement und verpasste Vorsorge, weil Briefe und Termine leicht übersehen werden.
Kann man etwas gegen die geringere Lebenserwartung bei ADHS tun?
Ja, fast alle vermittelnden Faktoren gelten als beeinflussbar; deshalb ist der erste Schritt zu wissen, womit du es zu tun hast. Eine Diagnose macht aus vielen scheinbar unzusammenhängenden Problemen wie Rauchen, Unfällen, Jobverlust oder vergessenen Arztterminen ein behandelbares Muster. Registerdaten deuten darauf hin, dass eine laufende ADHS-Behandlung mit weniger Unfällen, weniger Substanzmissbrauch und geringerer Sterblichkeit einhergehen kann.
Quellen
- O'Nions, E., El Baou, C., John, A., Lewer, D., Mandy, W., McKechnie, D. G., Petersen, I., & Stott, J. (2025). Life expectancy and years of life lost for adults with diagnosed ADHD in the UK: matched cohort study. The British Journal of Psychiatry, 226(5), 261–268. https://doi.org/10.1192/bjp.2024.199
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