Autismus
Autismus-Diagnostik für Erwachsene: Ablauf, Verfahren und Grenzen
Von David Beck · · Aktualisiert am · ca. 7 Min. Lesezeit

Viele Erwachsene kommen mit einem Satz zu mir, der sich über Jahre angesammelt hat: „Ich war schon immer irgendwie anders." Manche haben bereits eine Angststörung, eine Depression oder ADHS diagnostiziert bekommen – und trotzdem fühlt sich das Bild unvollständig an. Eine sorgfältige Autismus-Diagnostik kann dann Klarheit bringen. Sie kann aber auch ergeben, dass etwas anderes dahintersteckt. Beides ist ein gutes Ergebnis.
Auf dieser Seite beschreibe ich offen, wie die Autismus-Diagnostik für Erwachsene bei test-adhs.de abläuft, welche Verfahren wir einsetzen – und welche nicht.
Was eine Autismus-Diagnose voraussetzt
Grundlage jeder Diagnose sind die Kriterien der Klassifikationssysteme: ICD-11 (dort unter 6A02 „Autismus-Spektrum-Störung") und DSM-5-TR der American Psychiatric Association. Beide fassen frühere Einzeldiagnosen wie das Asperger-Syndrom unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammen.
Nach DSM-5-TR müssen im Kern zwei Bereiche betroffen sein:
- Soziale Kommunikation und Interaktion: anhaltende Schwierigkeiten in der sozial-emotionalen Gegenseitigkeit, in der nonverbalen Kommunikation (etwa Blickkontakt, Mimik, Gestik) sowie beim Aufbauen und Aufrechterhalten von Beziehungen.
- Eingeschränkte, sich wiederholende Verhaltensmuster: mindestens zwei von vier Merkmalen – wiederholende Bewegungen oder Sprache, starres Festhalten an Routinen, ungewöhnlich intensive Interessen, Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen.
Dazu kommt: Die Merkmale müssen schon in der frühen Entwicklung vorhanden gewesen sein – auch wenn sie oft erst später sichtbar werden, wenn die Anforderungen die eigenen Kompensationsmöglichkeiten übersteigen. Und sie müssen im Alltag zu einer spürbaren Beeinträchtigung führen.
Genau deshalb reicht ein Fragebogen allein nie aus. Eine Diagnose braucht mehrere unabhängige Informationsquellen, die zusammenpassen.
Der Ablauf bei test-adhs.de in sechs Schritten
1. Kostenloses Erstgespräch
In rund 15 Minuten klären wir, ob eine Autismus-Diagnostik in deiner Situation sinnvoll ist – oder ob etwas anderes naheliegender ist. Das Gespräch ist unverbindlich und ersetzt keine Diagnostik.
2. Online-Anamnese und Fragebögen
Über eine strukturierte Online-Anamnese erfassen wir deine Entwicklungsgeschichte: Kindheit, Schule, Ausbildung und Beruf, Beziehungen, Sinneswahrnehmung, frühere Diagnosen. Ergänzend bearbeitest du validierte Fragebögen (mehr dazu unten).
3. Klinisches Interview mit Verhaltensbeobachtung
Im Videogespräch gehen wir deine Angaben entlang eines autismusspezifischen Gesprächsleitfadens durch. Parallel beobachte ich, wie Kommunikation im Gespräch tatsächlich abläuft – Blickkontakt, Mimik, Gestik, Gesprächsfluss und Gegenseitigkeit.
4. Fremdanamnese mit einer Bezugsperson
Eine Person, die dich als Kind erlebt hat oder sehr gut kennt – etwa ein Elternteil, Geschwister oder langjährige Partner:innen –, schildert in einem Gespräch von rund 30 Minuten ihre Sicht. Das ist wichtig, weil sich die frühe Entwicklung aus eigener Erinnerung oft nur lückenhaft rekonstruieren lässt, gerade wenn man über Jahre gelernt hat, sich anzupassen.
5. Beobachtung durch eine approbierte Fachkraft
In einem weiteren Termin von rund 30 Minuten macht sich eine approbierte Fachkraft ein eigenes Bild. Dieser zweite, unabhängige Blick ist Teil unseres Vier-Augen-Prinzips.
6. Auswertung, Befundbericht und Besprechung
Alle Informationen werden zusammengeführt und die Kriterien nach ICD-11 und DSM-5-TR systematisch geprüft. Mögliche andere Erklärungen – etwa ADHS, soziale Angst, Depression oder Traumafolgen – werden dabei ausdrücklich mitgedacht. Die Endabnahme des Befunds liegt bei einer approbierten Fachkraft. Anschließend besprechen wir den Befund gemeinsam per Video.

Die Fragebögen – und was sie leisten können
Fragebögen sind in der Autismus-Diagnostik ein Baustein, kein Urteil. Sie strukturieren die Selbstauskunft und machen sie vergleichbar. Diagnostizieren können sie allein nicht.
AQ – Autism-Spectrum Quotient
Der AQ wurde 2001 von Simon Baron-Cohen und Kolleg:innen veröffentlicht. Er umfasst 50 Aussagen zu fünf Bereichen: soziale Fertigkeiten, Aufmerksamkeitswechsel, Detailwahrnehmung, Kommunikation und Vorstellungsvermögen. Die Autor:innen selbst beschreiben ihn als Instrument, um autistische Merkmale auf einem Kontinuum einzuordnen – nicht als Diagnoseinstrument.
RAADS-R – Ritvo Autism Asperger Diagnostic Scale (revidiert)
Die RAADS-R wurde für Erwachsene entwickelt und 2010 international validiert. Sie umfasst 80 Aussagen in vier Bereichen: soziale Bezogenheit, umschriebene Interessen, Sprache und Sensomotorik. Die Autor:innen bezeichnen sie ausdrücklich als ergänzendes Hilfsmittel für die Diagnostik – die klinische Einschätzung hat Vorrang.
CAT-Q – Camouflaging Autistic Traits Questionnaire
Der CAT-Q wurde 2018 von Laura Hull und Kolleg:innen veröffentlicht und erfasst mit 25 Aussagen, wie stark jemand autistische Merkmale im Alltag ausgleicht oder verbirgt – in den Bereichen Kompensation, Maskierung und Assimilation. Das ist besonders bei spät erkannten Erwachsenen relevant, die nach außen gut angepasst wirken. Mehr dazu im Beitrag AuDHS bei Frauen.
Was wir nicht einsetzen
Transparenz heißt auch zu sagen, was nicht Teil unserer Diagnostik ist: Wir führen kein ADI-R (Autism Diagnostic Interview – Revised) und keine Intelligenzdiagnostik durch. Die Sicht der Bezugsperson erheben wir in einem eigenen Fremdanamnese-Gespräch. Ergibt sich im Verlauf ein Hinweis darauf, dass eine weiterführende Untersuchung vor Ort sinnvoller ist, sagen wir dir das offen.
Zum Stand der Leitlinie
Die deutsche S3-Leitlinie zur Diagnostik von Autismus-Spektrum-Störungen (AWMF-Register 028-018) stammt aus dem Jahr 2016. Ihre Gültigkeit ist inzwischen abgelaufen, sie wird derzeit überarbeitet. Wir orientieren uns an ihren Grundsätzen – mehrere Informationsquellen, Entwicklungsgeschichte, Blick von außen, Differenzialdiagnostik – und prüfen die Kriterien nach ICD-11 und DSM-5-TR.
Was ein Befund bedeutet – und was nicht
Am Ende steht ein ausführlicher schriftlicher Befund. Er kann eine Autismus-Diagnose enthalten, eine andere Einordnung oder die Einschätzung, dass die Kriterien nicht erfüllt sind. Jede dieser Antworten ist wertvoll.
Eine Diagnose ist eine Erklärung, keine Identität. Sie kann entlasten, Türen öffnen – etwa für Nachteilsausgleiche oder passende therapeutische Unterstützung – und helfen, die eigene Biografie neu zu verstehen. Daneben bleibt aber immer Raum für alles, was dich sonst ausmacht.
Wenn du ADHS und Autismus gleichzeitig vermutest, lohnt sich der Blick auf die kombinierte AuDHS-Diagnostik.
Häufige Fragen
Wie läuft eine Autismus-Diagnostik für Erwachsene ab?
Eine Autismus-Diagnostik für Erwachsene läuft in mehreren Schritten ab. Sie beginnt mit einem Erstgespräch und einer Online-Anamnese mit Fragebögen. Danach folgen ein klinisches Interview mit Verhaltensbeobachtung, eine Fremdanamnese mit einer Bezugsperson und eine Beobachtung durch eine zweite approbierte Fachkraft. Am Ende werden alle Informationen zusammengeführt und nach ICD-11 und DSM-5-TR geprüft.
Welche Fragebögen werden bei der Autismus-Diagnostik für Erwachsene eingesetzt?
Bei der Autismus-Diagnostik für Erwachsene werden Fragebögen wie AQ, RAADS-R und CAT-Q als ergänzende Bausteine eingesetzt. Der AQ ordnet autistische Merkmale auf einem Kontinuum ein. Die RAADS-R erfasst soziale Bezogenheit, Interessen, Sprache und Sensomotorik. Der CAT-Q misst, wie stark Merkmale durch Kompensation und Maskierung verborgen werden. Diagnostizieren können Fragebögen allein nicht.
Brauche ich für die Autismus-Diagnostik als Erwachsener eine Bezugsperson aus der Kindheit?
Ja, eine Bezugsperson ist für die Autismus-Diagnostik im Erwachsenenalter wichtig. Die Merkmale müssen schon in der frühen Entwicklung vorhanden gewesen sein, lassen sich aus eigener Erinnerung aber oft nur lückenhaft rekonstruieren. Deshalb schildert eine Person, die dich als Kind erlebt hat oder sehr gut kennt, in einem eigenen Gespräch ihre Sicht und ergänzt deine Angaben.
Was bedeutet das Ergebnis einer Autismus-Diagnostik für Erwachsene?
Das Ergebnis einer Autismus-Diagnostik für Erwachsene kann eine Autismus-Diagnose enthalten, eine andere Einordnung oder die Einschätzung, dass die Kriterien nicht erfüllt sind. Jede Antwort ist wertvoll. Eine Diagnose ist eine Erklärung, keine Identität. Sie kann entlasten und helfen, die eigene Biografie neu zu verstehen, und sie kann passende Unterstützung ermöglichen.
Quellen
- American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (5th ed.). https://doi.org/10.1176/appi.books.9780890425596
- AWMF (2016). S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik (Registernr. 028-018, Gültigkeit abgelaufen). https://register.awmf.org/assets/guidelines/028-018l_S3_Autismus-Spektrum-Stoerungen_ASS-Diagnostik_2016-05-abgelaufen.pdf
- Baron-Cohen, S., Wheelwright, S., Skinner, R., Martin, J., & Clubley, E. (2001). The Autism-Spectrum Quotient (AQ): Evidence from Asperger Syndrome/High-Functioning Autism, Males and Females, Scientists and Mathematicians. Journal of Autism and Developmental Disorders, 31(1), 5–17. https://doi.org/10.1023/a:1005653411471
- Hull, L., Mandy, W., Lai, M. C., Baron-Cohen, S., Allison, C., Smith, P., & Petrides, K. V. (2019). Development and Validation of the Camouflaging Autistic Traits Questionnaire (CAT-Q). Journal of Autism and Developmental Disorders, 49(3), 819–833. https://doi.org/10.1007/s10803-018-3792-6
- Ritvo, R. A., Ritvo, E. R., Guthrie, D., Ritvo, M. J., Hufnagel, D. H., McMahon, W., Tonge, B., Mataix-Cols, D., Jassi, A., Attwood, T., & Eloff, J. (2011). The Ritvo Autism Asperger Diagnostic Scale-Revised (RAADS-R): A Scale to Assist the Diagnosis of Autism Spectrum Disorder in Adults: An International Validation Study. Journal of Autism and Developmental Disorders, 41(8), 1076–1089. https://doi.org/10.1007/s10803-010-1133-5
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