Alles rund um ADHS
Imposter-Syndrom und ADHS: Hintergründe, Zusammenhänge und wie du damit umgehst
Von David Beck · · Aktualisiert am · ca. 6 Min. Lesezeit

Wenn Selbstzweifel zum ständigen Begleiter werden
Das Imposter-Syndrom – auch als „Hochstapler-Phänomen“ bekannt – beschreibt das Gefühl, dass die eigenen Erfolge nicht verdient sind und man bald als Betrügerin oder Betrüger enttarnt wird (Clance & Imes, 1978). Obwohl deine Leistungen objektiv betrachtet beachtlich sein mögen, zweifelst du innerlich daran, diese wirklich verdient zu haben. Viele Menschen kennen dieses nagende Gefühl der Unsicherheit, doch bei Personen mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) findet sich dafür oft ein besonders „fruchtbarer Boden“.
Klinische Beobachtungen und Erfahrungsberichte zeigen, dass Menschen mit ADHS häufig an wiederholten Selbstzweifeln leiden (Brown, 2013). Zum einen entstehen diese Zweifel, weil sie in ihrem Alltag immer wieder mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, etwa in der Organisation, Konzentration oder Impulskontrolle. Zum anderen kommt es durch die typischen Leistungsschwankungen zu der Empfindung, man habe „Glück gehabt“, wenn etwas überraschend gut klappt. Genau dieses Wechselbad der Gefühle und Leistungen lässt Betroffene leicht daran glauben, dass sie gar nicht wirklich kompetent sind, sondern eher „durch Zufall“ oder „auf den letzten Drücker“ erfolgreich waren.
Tatsächlich berichten viele Erwachsene, die eine ADHS-Diagnose erhalten haben, von folgenden Merkmalen, die Imposter-Gedanken verstärken können:
- Hohe Perfektionserwartungen: Du willst alles perfekt erledigen, was jedoch häufig an mangelnder Zeitorganisation oder Konzentration scheitert.
- Prokrastination und Scham: Es fällt schwer, frühzeitig anzufangen, sodass Arbeiten oft erst in letzter Minute gelingen. Zwar werden Ziele häufig doch noch erreicht, aber danach fühlst du dich nicht „erfolgreich“, sondern eher erleichtert und unsicher, ob du es beim nächsten Mal wieder schaffst.
- Negative Selbstwahrnehmung: Langjährige Erfahrungen von Kritik, Missverständnissen und eigenen Versäumnissen führen zu einer tief verwurzelten Skepsis gegenüber den eigenen Fähigkeiten (Ramsay, 2015).
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All das kann in der Summe dazu führen, dass du deine Erfolge schlecht anerkennen kannst. So sind viele mit ADHS konfrontiert mit inneren Stimmen, die ihnen zuflüstern: „Das war nur Glück. Beim nächsten Mal fliegst du auf.“ Dadurch entsteht ein ständiger Druck, sich immer wieder aufs Neue beweisen zu müssen, was das Phänomen des Hochstapler-Gefühls weiter anfeuert.
Warum ADHS das Imposter-Syndrom begünstigt
ADHS ist mehr als eine bloße Konzentrationsschwäche. Viele Betroffene erleben eine ausgeprägte emotionale Dysregulation und einen oft wechselhaften Selbstwert. Diese Verknüpfung aus emotionalen Turbulenzen und kognitiven Symptomen kann dazu beitragen, dass sich das Imposter-Syndrom und die ADHS-Symptome gegenseitig verstärken. Obwohl zur direkten Verbindung von Imposter-Syndrom und ADHS noch keine großen Längsschnittstudien vorliegen, deckt sich das klinische Bild vieler Patientinnen und Patienten mit folgendem typischen Verlauf:
- Selbstzweifel als Grundgefühl: Von klein auf sammeln Betroffene häufig Erfahrungen, die ihr Selbstbild negativ färben: wiederholte schlechte Noten, Konflikte wegen impulsiven Verhaltens oder Vergesslichkeit. Diese stetige Konfrontation mit eigenen „Defiziten“ verankert den Gedanken, nicht gut genug zu sein.
- Schwierigkeiten in Schule und Beruf: Probleme mit Zeitmanagement und Konzentration kommen im Berufsleben und in akademischen Kontexten häufig stark zum Tragen. Kommt es dennoch zu Erfolgen – beispielsweise durch intensives Last-Minute-Arbeiten oder überdurchschnittlich hohes Engagement – fühlen sich Betroffene oft unsicher, ob diese Leistung „verdient“ ist. Das ist ein klassisches Fundament für das Imposter-Erleben.
- Vermeintliche Inkonstanz der Fähigkeiten: Während Außenstehende lediglich Spitzenleistungen sehen („Er oder sie liefert doch tolle Ergebnisse!“), erlebst du selbst eine Achterbahnfahrt der Konzentrations- und Motivationswerte. Der innere Eindruck, „heute lief es halt zufällig gut“, verstärkt das Gefühl, nicht wirklich kompetent, sondern eher „glücksbegünstigt“ zu sein.
- Perfektionismus und Prokrastination: Das Spannungsfeld zwischen hohen Ansprüchen und tatsächlichen Schwierigkeiten in der Umsetzung macht dich besonders anfällig dafür, deinen Leistungen zu misstrauen. Perfektionismus treibt an, Prokrastination bremst – am Ende entsteht ein innerer Dialog: „Ich habe es nur in letzter Sekunde gerettet, also war es eigentlich nicht richtig erworben.“
Wer sich in diesem Muster wiederfindet, kann durch eine professionelle ADHS-Testung (z. B. über Hogrefe-Instrumente wie den HASE oder CAARS) und eine gezielte Therapie mehr Klarheit bekommen. Auch eine medikamentöse Behandlung der ADHS kann im Rahmen eines Gesamtkonzepts die Kernsymptome lindern und den Alltag erleichtern; ob sich dadurch auch das Hochstapler-Gefühl verringert, ist bislang nicht direkt untersucht (Ramsay, 2015).
Tipps zum Umgang: Wie du Selbstzweifeln konstruktiv begegnest
Gerade wenn du immer wieder mit Imposter-Gedanken zu kämpfen hast, ist es wichtig, bewusst gegen negative Denkmuster vorzugehen und sich Unterstützung zu holen. Hier einige Empfehlungen, die sich in der Praxis bewährt haben:
- Offene Kommunikation: Sprich mit einer vertrauten Person (Familie, Freundeskreis oder Therapeut/in) über deine Selbstzweifel. Oft erkennt das Umfeld klar, wie viel Kompetenz du tatsächlich an den Tag legst.
- Protokolliere Erfolge: Führe ein „Erfolgstagebuch“ oder nutze eine App, in der du kurz notierst, was dir gelungen ist – sowohl im Beruf als auch privat. Das stärkt die positive Selbstwahrnehmung.
- Setze realistische Ziele: Wähle Ziele, die anspruchsvoll, aber erreichbar sind. Reduziere überhöhten Perfektionismus, indem du Meilensteine definierst und dich für Fortschritte belohnst.
- Therapeutische Begleitung: Eine kognitive Verhaltenstherapie (KVT) kann helfen, unproduktive Denkmuster und Selbstzweifel zu hinterfragen. Spezielle Behandlungsprogramme für Erwachsene mit ADHS berücksichtigen zudem deine individuellen Schwierigkeiten mit Organisation und Impulsivität (Ramsay, 2015).
- Gezielte ADHS-Diagnostik: Wenn du vermutest, dass ADHS bei dir eine Rolle spielt, kann eine professionelle Testung (online oder in einer Praxis) dir dabei helfen, Klarheit über die Ursachen deines Erlebens zu gewinnen. Auf dieser Basis lässt sich ein passgenaues Behandlungskonzept entwickeln.
Letztlich zeigt sich in der klinischen Praxis immer wieder, dass viele ADHS-Betroffene über ausgeprägte Hochstapler-Gefühle berichten. Ein konstruktiver Umgang mit beiden Themen – also eine fundierte Diagnostik und eine gezielte psychologische sowie gegebenenfalls medikamentöse Behandlung – legt jedoch den Grundstein, um die innere Überzeugung des „Nicht-Genügens“ abzuschwächen und künftig sicherer aufzutreten.
Häufige Fragen
Warum haben Menschen mit ADHS häufiger das Imposter-Syndrom?
Menschen mit ADHS erleben häufiger das Imposter-Syndrom, weil sich Selbstzweifel durch wiederholte Schwierigkeiten mit Organisation, Konzentration und Impulskontrolle verfestigen. Von klein auf prägen schlechte Noten, Konflikte und Vergesslichkeit ein negatives Selbstbild. Leistungsschwankungen lassen Erfolge wie Zufall wirken. Das Zusammenspiel aus Perfektionismus und Prokrastination verstärkt das Gefühl, nicht wirklich kompetent zu sein.
Woran erkenne ich das Imposter-Syndrom bei ADHS?
Du erkennst das Imposter-Syndrom bei ADHS daran, dass du eigene Erfolge als unverdient erlebst und Angst hast, bald als Hochstapler enttarnt zu werden. Typisch sind hohe Perfektionserwartungen, Aufschieben bis zur letzten Minute und Scham danach. Dazu kommt eine negative Selbstwahrnehmung durch langjährige Kritik und Versäumnisse. Erfolge fühlen sich eher wie Erleichterung an statt wie Stolz.
Hilft eine ADHS-Diagnostik beim Imposter-Syndrom?
Ja, eine professionelle ADHS-Diagnostik kann beim Imposter-Syndrom helfen, mehr Klarheit über die Ursachen deiner Selbstzweifel zu bekommen. Sie zeigt, ob Schwierigkeiten mit Zeitmanagement, Konzentration und Impulskontrolle mit ADHS zusammenhängen. Auf dieser Basis lässt sich ein passendes Behandlungskonzept entwickeln. Ob sich das Hochstapler-Gefühl dadurch direkt verringert, ist bislang nicht direkt untersucht.
Was kann ich gegen das Imposter-Syndrom bei ADHS tun?
Gegen das Imposter-Syndrom bei ADHS kannst du mit offener Kommunikation, dem Festhalten von Erfolgen und realistischen Zielen vorgehen. Sprich mit vertrauten Personen über deine Zweifel, führe ein Erfolgstagebuch und setze erreichbare Meilensteine. Eine kognitive Verhaltenstherapie kann helfen, negative Denkmuster zu hinterfragen. Spezielle Programme für Erwachsene mit ADHS berücksichtigen auch Organisation und Impulsivität.
Quellen
- Brown, T. E. (2013). A New Understanding of ADHD in Children and Adults: Executive Function Impairments. Routledge. https://doi.org/10.4324/9780203067536
- Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The imposter phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 15(3), 241–247. https://doi.org/10.1037/h0086006
- Ramsay, J. R., & Rostain, A. L. (2015). Cognitive Behavioral Therapy for Adult ADHD: An Integrative Psychosocial and Medical Approach (2nd ed.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9780203375488
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