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Für Unternehmen

Mitarbeiter mit ADHS führen: ein Leitfaden für den Arbeitsalltag

Von David Beck · · ca. 8 Min. Lesezeit

Stellen Sie sich vor: Jemand in Ihrem Team liefert in kurzer Zeit Ideen, die alle voranbringen – und verliert dann eine Frist aus dem Blick, die er oder sie selbst gesetzt hat. Eine andere Person wirkt in Meetings abwesend, arbeitet an manchen Tagen aber mit einer Konzentration, die das ganze Team überrascht. Irgendwann fragen Sie sich: Wie führe ich Menschen, deren Arbeitsweise so unterschiedlich aussieht?

Die Frage ist alltäglicher, als viele denken. In einer WHO-Erhebung mit Beschäftigten aus zehn Ländern erfüllten im Mittel 3,5 % die Kriterien für ADHS im Erwachsenenalter (de Graaf et al., 2008). Gerade in größeren Teams ist es also gut möglich, dass jemand mit ADHS dabei ist – ob Sie davon wissen oder nicht.

Dieser Leitfaden zeigt, was Ihnen als Führungskraft konkret hilft: sieben Hebel für den Alltag, eine Haltung für vertrauliche wie für schwierige Gespräche und ein ehrlicher Blick auf die Forschungslage. Ohne Klischees, ohne Diagnosepflicht – und ohne dass Sie Therapeut:in spielen müssten.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Keine Diagnose nötig: Sie müssen nicht wissen, ob jemand ADHS hat, und sollten nicht danach fragen – gute Führung hilft allen.
  • Häufigkeit: Im Mittel 3,5 % der Beschäftigten aus zehn Ländern erfüllten in einer WHO-Erhebung die Kriterien für ADHS im Erwachsenenalter (de Graaf et al., 2008).
  • Passung entscheidet: Eine passende Arbeitsumgebung, Flexibilität und Unterstützung können erfolgreiches Arbeiten ermöglichen (Hotte-Meunier et al., 2024).
  • Sieben Hebel: Schriftliche Aufträge, sichtbare Prioritäten, Etappen, Fokuszeiten, kurze Check-ins, zeitnahes Feedback, Flexibilität bei Ort und Zeit.
  • Dünne Evidenz: Von 143 ausgewerteten Studien prüfte keine Maßnahmen direkt am Arbeitsplatz – vieles beruht auf Plausibilität und Erfahrung (Lauder et al., 2022).

Vorweg: Sie müssen keine Diagnose kennen

Führungskräfte sollten weder Diagnosen stellen noch nach Diagnosen fragen. Das ist kein Formalismus, sondern ein Arbeitsprinzip: Gesundheitsdaten sind besonders geschützt, und Beschäftigte sind nicht verpflichtet, ihrem Arbeitgeber eine ADHS-Diagnose mitzuteilen. Was im Einzelnen gilt, wenn es darum geht, ob Beschäftigte ihre Diagnose mitteilen müssen, lesen Sie in einem eigenen Beitrag – dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung.

Die gute Nachricht: Sie brauchen die Diagnose nicht, um gut zu führen. Alles, was Menschen mit ADHS den Arbeitsalltag erleichtert – klare Aufträge, sichtbare Prioritäten, verlässliches Feedback –, ist ohnehin solide Führung und nützt dem ganzen Team. Sie schaffen keine Sonderregel für Einzelne, sondern heben den Standard für alle.

Wie sich ADHS im Arbeitsalltag zeigen kann

ADHS sieht bei Erwachsenen sehr unterschiedlich aus. Forschungsbefunde beziehen sich auf Gruppen; auf die einzelne Person vor Ihnen lassen sie sich nicht einfach übertragen. Eine Checkliste, mit der Sie jemanden „erkennen" könnten, gibt es nicht – und das Erkennen ist auch nicht Ihre Aufgabe.

Was sich auf Gruppenebene zeigt: In einer Studie zu ADHS am Arbeitsplatz (Fuermaier et al., 2021) hingen Probleme im Job vor allem mit Unaufmerksamkeit und selbst erlebten Schwierigkeiten bei exekutiven Funktionen zusammen – also mit Planen, Priorisieren und Selbststeuerung. Ergebnisse in neuropsychologischen Tests sagten diese Probleme dagegen kaum voraus.

Für den Alltag heißt das: Entscheidend ist, was ein Mensch in seiner konkreten Arbeitssituation erlebt, nicht ein Testprofil. Typische Reibungspunkte sind Aufgaben, die viel Selbststrukturierung verlangen – lange Listen ohne Reihenfolge, Projekte mit fernem Endtermin, ständige Unterbrechungen. Ein systematischer Review (Hotte-Meunier et al., 2024) beschreibt zugleich Stärken und Herausforderungen von Beschäftigten mit ADHS; beides liegt oft nah beieinander und hängt stark vom Umfeld ab. Das größere Bild zeichnet unser Beitrag zu Beruf und ADHS.

Die Grundhaltung: Passung statt Defizit

Der Review von Hotte-Meunier et al. (2024) betont einen Punkt, der die Führungsperspektive verschiebt: Eine passende Arbeitsumgebung, Flexibilität, Unterstützung und die Passung zwischen Person und Umfeld können erfolgreiches Arbeiten ermöglichen. Die zentrale Frage lautet damit nicht „Was stimmt mit diesem Menschen nicht?", sondern „Was müsste an Aufgabe, Umfeld oder Zusammenarbeit anders sein, damit es passt?"

Diese Haltung ist der Kern von Neurodiversität am Arbeitsplatz: Unterschiedliche Arbeitsweisen sind in jedem Team Realität. Führung heißt dann, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass unterschiedliche Köpfe gut arbeiten können – statt alle in denselben Ablauf zu pressen.

Sieben Hebel für den Arbeitsalltag

Die folgenden Hebel setzen bei den exekutiven Funktionen an, die laut Fuermaier et al. (2021) den Arbeitsalltag prägen: Planen, Priorisieren, Selbststeuerung. Sie lassen sich ohne großen Aufwand umsetzen, und sie sind für niemanden im Team ein Nachteil.

1. Klare Aufträge schriftlich

Mündliche Absprachen gehen im Alltag unter – bei allen, nicht nur bei ADHS. Geben Sie Aufträge schriftlich: Was genau ist zu tun, bis wann, woran erkennen wir, dass es fertig ist? Eine kurze Nachricht nach dem Gespräch genügt und erspart das Rekonstruieren aus dem Gedächtnis.

2. Prioritäten sichtbar machen

Wenn alles wichtig ist, ist nichts wichtig. Sagen Sie ausdrücklich, was zuerst dran ist und was warten kann – und aktualisieren Sie das, wenn sich die Lage ändert. Priorisieren gehört zu den exekutiven Funktionen, die viele Menschen mit ADHS als besonders anstrengend erleben; eine klare Ansage von außen nimmt einen Teil dieser Last.

3. Große Aufgaben in Etappen

Ein Projekt, dessen Abgabe weit entfernt liegt, lädt zum Aufschieben ein; die Frist wirkt erst, wenn es eng wird. Zerlegen Sie große Vorhaben gemeinsam in Etappen mit Zwischenterminen. So entstehen mehrere erreichbare Ziele statt eines fernen, und Fortschritt wird sichtbar.

4. Fokuszeiten und weniger Unterbrechungen

Unaufmerksamkeit gehörte in der Studie von Fuermaier et al. (2021) zu den Faktoren, die am engsten mit Problemen im Job zusammenhingen. Prüfen Sie, was Ihr Team unterbricht: offene Türen, Dauer-Chats, Meetings quer durch den Tag. Vereinbarte Fokuszeiten, in denen niemand gestört wird, entlasten alle – manche spürbar mehr als andere.

5. Kurze, regelmäßige Check-ins

Ein fester, kurzer Termin in verlässlichem Rhythmus ersetzt das große Nachfassen, wenn etwas schiefgelaufen ist. Klären Sie dort: Was ist erledigt, was hakt, was ist der nächste Schritt? Das gibt Struktur von außen, ohne zu kontrollieren, und verhindert, dass Probleme erst am Abgabetermin sichtbar werden.

6. Feedback zeitnah und konkret

Feedback wirkt am besten nah am Ereignis und bezogen auf konkretes Verhalten: „In der Präsentation fehlte der Zahlenüberblick" statt „Sie müssen strukturierter arbeiten". Auch positives Feedback gehört dazu – es zeigt, welche Arbeitsweise funktioniert, und macht ihre Wiederholung wahrscheinlicher.

7. Flexibilität bei Ort und Zeit, wo es geht

Nicht jede Stelle erlaubt das. Aber wo es geht: Manche Menschen arbeiten konzentrierter im Homeoffice, andere zu anderen Tageszeiten. Der Review von Hotte-Meunier et al. (2024) nennt Flexibilität ausdrücklich als Faktor, der erfolgreiches Arbeiten ermöglichen kann. Fragen lohnt sich mehr als vermuten.

Wenn sich jemand Ihnen anvertraut

Es kommt vor, dass Beschäftigte von sich aus über eine Diagnose sprechen. Dann gilt zuerst: Das ist Vertrauen, und Sie behandeln es vertraulich. Gesundheitsdaten sind besonders geschützt; geben Sie nichts an Kolleg:innen, HR oder Vorgesetzte weiter, solange das nicht ausdrücklich abgesprochen ist.

Fragen Sie, statt anzunehmen. „Was brauchen Sie, um gut arbeiten zu können?" ist hilfreicher als jede Vermutung darüber, was ADHS für diesen Menschen bedeutet. Halten Sie Absprachen gemeinsam schriftlich fest – das schafft Verbindlichkeit auf beiden Seiten und entlastet das Gedächtnis.

Eines gehört nicht in Ihr Führungsgespräch: Fragen zur Behandlung, etwa zu Medikamenten, liegen in ärztlichen Händen. Wenn jemand selbst über eine Abklärung nachdenkt, kann ein strukturierter Weg zur ADHS-Diagnostik ein erster Schritt sein; die Entscheidung liegt allein bei der Person.

Wenn die Leistung leidet – ohne dass Sie etwas wissen

Häufiger ist der andere Fall: Die Leistung lässt nach, Fristen kippen, und Sie wissen nicht, warum. Sprechen Sie dann über das, was Sie beobachten können – Verhalten und Ergebnisse –, nicht über Vermutungen. „Die letzten Abgaben kamen verspätet, lassen Sie uns schauen, woran das liegt" ist ein Gesprächseinstieg. „Ich frage mich, ob da so etwas wie ADHS dahintersteckt" ist keiner.

Bieten Sie Unterstützung an, ohne einzuordnen: Je nach Unternehmen gibt es den betriebsärztlichen Dienst, ein Employee-Assistance-Programm (EAP) oder Angebote des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Diese Stellen arbeiten in der Regel vertraulich und kennen die nächsten Schritte. Ihre Aufgabe ist der Hinweis, nicht die Diagnose.

Was Sie besser lassen

  • Diagnostizieren, spekulieren oder nachfragen: Weder im Gespräch noch im Stillen – auch gut gemeint bleibt die Frage nach einer Diagnose ein Eingriff in besonders geschützte Gesundheitsdaten.
  • Vertrauliches weitergeben: Nichts an Team, HR oder Vorgesetzte ohne ausdrückliche Absprache.
  • Sonderbehandlung ohne Absprache: Wer einseitig Aufgaben entzieht oder Fristen aufweicht, signalisiert Misstrauen. Klären Sie lieber gemeinsam, was hilft.
  • Feedback zurückhalten: Rückmeldung aus Schonung wegzulassen benachteiligt die Person – zeitnah und konkret bleibt wichtig.
  • Auf die Diagnose warten: Alle Hebel oben funktionieren ohne sie. Wer wartet, verschenkt Zeit, in der es dem ganzen Team besser gehen könnte.

Was die Forschung sagt – und was nicht

Ehrlichkeit gehört zu diesem Thema. Ein systematischer Review (Lauder et al., 2022) wertete 143 Studien zu Unterstützungsmaßnahmen für Erwachsene mit ADHS aus – keine einzige davon untersuchte die Wirksamkeit von Maßnahmen direkt am Arbeitsplatz. Die Evidenz für konkrete betriebliche Interventionen ist also dünn.

Was die Forschung trägt, ist die Richtung: Selbst erlebte Schwierigkeiten bei Planung, Priorisierung und Selbststeuerung prägen den Arbeitsalltag (Fuermaier et al., 2021). Passung, Flexibilität und Unterstützung können erfolgreiches Arbeiten ermöglichen (Hotte-Meunier et al., 2024). Die sieben Hebel beruhen auf dieser Plausibilität und auf Praxiserfahrung – und sie sind risikoarm, weil sie jedem Team guttun.

Fazit

Mitarbeiter mit ADHS zu führen beginnt nicht mit einer Diagnose, sondern mit Führung, die ihren Namen verdient: klare Aufträge, sichtbare Prioritäten, verlässliche Rückmeldung – und die Frage, was diese Person braucht, statt der Frage, was ihr fehlt.

Wenn Sie über den einzelnen Arbeitsplatz hinausdenken wollen, etwa über Strukturen und die strategische Ebene, finden Sie das in unserem Beitrag zu Neurodiversität am Arbeitsplatz. Und wenn Sie als Unternehmen Beschäftigten einen niedrigschwelligen, vertraulichen Zugang zu Diagnostik ermöglichen möchten, stellen wir das Angebot auf unserer Unternehmensseite vor.

Häufige Fragen

Müssen Beschäftigte dem Arbeitgeber sagen, dass sie ADHS haben? Nein. Beschäftigte sind nicht verpflichtet, dem Arbeitgeber eine ADHS-Diagnose mitzuteilen, denn Gesundheitsdaten sind besonders geschützt. Die Entscheidung liegt allein bei der betroffenen Person.

Wie häufig ist ADHS bei Erwachsenen im Beruf? In einer WHO-Erhebung mit Beschäftigten aus zehn Ländern erfüllten im Mittel 3,5 % die Kriterien für ADHS im Erwachsenenalter (de Graaf et al., 2008). In größeren Teams ist es daher gut möglich, dass jemand mit ADHS arbeitet.

Darf ich als Führungskraft nach einer ADHS-Diagnose fragen? Führungskräfte sollten weder Diagnosen stellen noch nach Diagnosen fragen. Sprechen Sie stattdessen über beobachtbares Verhalten, Ergebnisse und darüber, welche Unterstützung im Arbeitsalltag helfen würde.

Was hilft Mitarbeitenden mit ADHS konkret im Arbeitsalltag? Ein systematischer Review (Hotte-Meunier et al., 2024) betont eine passende Arbeitsumgebung, Flexibilität, Unterstützung und die Passung zwischen Person und Umfeld. Konkrete Hebel sind etwa schriftliche Aufträge, sichtbare Prioritäten, Etappen mit Zwischenterminen, Fokuszeiten, kurze Check-ins, zeitnahes Feedback und Flexibilität bei Ort und Zeit.

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