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Frauen mit ADHS: Der Hormonzyklus verändert deine Symptome

  • Autorenbild: David Beck
    David Beck
  • vor 3 Tagen
  • 8 Min. Lesezeit
Eine Frau sitzt hell gekleidet an einem Fenster und schaut hinaus.
ADHS oder Zyklusschwankungen: Oft nicht einfach zu unterscheiden.

Die versteckte Realität: "Bin ich einfach chaotisch oder ist es ADHS?"


Viele Frauen beschreiben es ähnlich: Eine Woche lang funktioniere ich normal – konzentriert, motiviert, ausgeglichen. Dann, plötzlich, fällt alles auseinander. Die Gedanken rasen, nichts bleibt haften, die kleinste Störung triggert Reizbarkeit. "Ich erkenne mich selbst nicht wieder", heißt es dann oft.


Das ist kein Zufall – und schon gar nicht nur Stress oder Überempfindlichkeit. Es ist Wissenschaft.


Frauen mit ADHD erleben ihre Symptome nicht konstant. Sie schwanken dramatisch mit dem Menstruationszyklus. Und genau dieser Umstand führt dazu, dass Millionen von Frauen jahrzehntelang undiagnostiziert bleiben – weil ihre Symptome nur "an bestimmten Tagen" auffallen (Roberts et al., 2018; Martel et al., 2025).


Die neueste Forschung zeigt: Es geht nicht um mangelnde Disziplin oder psychische Instabilität. Es geht um Neurobiologie. Es geht um Hormone, die dein Gehirn buchstäblich verändern – zweimal im Monat.



Eine Frau mit zwei Gesichtshälften vor einem Kalender, der versinnbildlichen soll dass sowohl der Zyklus als auch ADHS bei den Schwankungen eine Rolle spielen.
Frauen erleben massive Schwankungen je nach Phase im Zyklus

Die Dopamin-Östrogen-Verbindung: Das Geheimnis hinter deinen Symptom-Schwankungen


ADHD ist fundamental eine Störung des Dopamins – des Neurotransmitters, der Aufmerksamkeit, Motivation und emotionale Regulation steuert. Menschen mit ADHD haben bereits dysreguliertes Dopamin.


Aber es wird komplexer: Östrogen – das weibliche Sexualhormon – ist nicht nur für Fortpflanzung verantwortlich. Im Gehirn wirkt es als "Psychoschutzfaktor" (Eaton et al., 2025). Konkret:


  • Östrogen stimuliert die Dopamin-Produktion im Gehirn

  • Östrogen verhindert den Abbau von Dopamin (hemmt das Enzym Monoaminoxidase)

  • Östrogen fördert Serotonin und Noradrenalin – weitere Neurotransmitter für Stimmung und Konzentration


Solange der Östrogenspiegel stabil bleibt, funktioniert dein Gehirn besser. Aber im weiblichen Zyklus bleibt der Östrogenspiegel nie stabil. Er schwankt dramatisch – und mit ihm deine kognitiven Fähigkeiten.



Was ändert sich in jeder Zyklushälfte?


Die Follikelphase (Tag 1 bis 14): Deine produktiven Tage

Ab dem ersten Menstruationstag steigt Östrogen kontinuierlich an. Parallel steigt auch deine Dopamin-Verfügbarkeit im Gehirn.


Was du merkst:

  • Bessere Konzentration und Fokus – Aufgaben fühlen sich leichter an

  • Höhere Motivation und Energie – du willst Dinge erledigen

  • Stabilere Stimmung – weniger emotionale Reaktivität

  • Leichteres Zeitmanagement – du kannst länger konzentriert arbeiten

  • Weniger Impulsivität – bessere Impulskontrolle


Diese Phase ist dein "ADHD-Sweet-Spot". Viele Frauen berichten, dass sie ihre ADHD-Medikation sogar weniger brauchen oder weniger Nebenwirkungen erleben (Del Rio et al., 2018). Die Dopamin-Verfügbarkeit ist am höchsten – dein Gehirn funktioniert einfach besser.


Manche Frauen nutzen diese Phase strategisch: große Projekte starten, schwierige Konversationen führen, neue Fähigkeiten lernen. In dieser Phase schaffst du am meisten.


Eine Frau sitzt an einem aufgeräumten Arbeitsplatz und arbeitet konzentriert an ihrem Laptop.
Die Follikelphase ist oft geprägt von erhöhter Leistungsfähigkeit.

Die Lutealphase (Tag 15 bis 28): Wenn alles zusammenbricht

Nach dem Eisprung (um Tag 14) sinkt Estradiol – die potenteste Form von Östrogen – rapide ab. Gleichzeitig steigt Progesteron an – ein Hormon mit eher dämpfenden Effekten auf das Nervensystem.


Das führt zu zwei kritischen Momenten:


Erster kritischer Punkt – Mid-Luteal Phase (Tag 18 bis 22): Ein zweiter, kleinerer Östrogen-Gipfel, aber insgesamt sinkt die Verfügbarkeit. Du merkst: Erste Anzeichen von Überforderung, die Impulsivität steigt wieder.


Zweiter kritischer Punkt – Perimenstruelle Phase (Tag 25 bis 28): Östrogen-Talsohle, Dopamin am niedrigsten – ADHD-Symptome auf dem Höhepunkt. Das ist die schwierigste Woche.


Was du merkst:

  • Konzentrationsprobleme und "Gehirnnebel" – du kannst nicht klar denken

  • Impulsivität nimmt zu – du machst vorschnelle Entscheidungen

  • Emotionale Dysregulation – Reizbarkeit, Weinerlichkeit, plötzliche Stimmungsschwankungen

  • Schlafstörungen und extreme Fatigue – du bist erschöpfter als sonst

  • Gedächtnisprobleme – Konzentration auf kurzzeitige Erinnerung fällt schwer

  • Überwhelm und mentale Lähmung – einfache Aufgaben wirken unmöglich


Diese Symptom-Beschleunigung ist nicht psychologisch – es ist neurologisch. Studien zeigen, dass Östrogen-Rückgänge mit einem zweifachen Anstieg der ADHD-Symptom-Schwere korrelieren (Roberts et al., 2018; Wynchank et al., 2024).


Es ist nicht "in deinem Kopf". Es passiert in deinem Gehirn.



Eine Frau sitzt erschöpft an ihrem Schreibtisch und es ist nicht klar, ob das zyklusbedingt oder am ADHS liegt.
Die Lutealphase kann - vor allem in Verbindung mit ADHS - sehr herausfordernd sein.

Erkennst du dich wieder? Die unbemerkten Zeichen


Viele Frauen erleben diese Schwankungen jahrelang, ohne zu wissen, dass es ADHD ist. Stattdessen werden sie diagnostiziert mit:


  • Depressionen – wegen der Stimmungstäler

  • Angststörungen – wegen des Overwhelms

  • Schlafstörungen – wegen der Schlafprobleme

  • Persönlichkeitsstörungen – wegen der Reizbarkeit


Das Problem: Diese Diagnosen behandeln die Symptome, nicht die Ursache.


Follikelphase vs. Lutealphase: Der Unterschied auf einen Blick

Aspekt

Follikelphase (Tag 1-14)

Lutealphase (Tag 15-28)

Haupthormon

Steigendes Östrogen

Sinkendes Östrogen + Progesteron

Dopamin-Verfügbarkeit

Hoch

Niedrig

Konzentration & Fokus

Scharf, fokussiert

Nebelig, zerstreut

Motivation & Antrieb

High Energy

Erschöpft

Emotionale Stabilität

Stabil, ausgeglichen

Labil, emotional reaktiv

Impulsivität

Kontrolliert

Erhöht

Gedächtnis

Gut

Schwach

Schlafqualität

Besser

Schlechter

Beste Tage für anspruchsvolle Aufgaben

Ja – nutze diese Phase

Nein – leichtere Aufgaben

Warum werden Frauen mit ADHD so oft übersehen?


Es ist ein tragisches Paradoxon: Je präsenter deine ADHD-Symptome werden, desto weniger diagnostiziert man dich. Warum? Weil deine Symptome nicht konstant sind.


Der Maskierungs-Effekt: Die Kunst der unsichtbaren ADHD

Frauen werden sozialisiert, "alles unter Kontrolle" zu haben. Sie lernen früh, ihre Symptome zu verstecken – Impulsivität zu unterdrücken, Unorganisiertheit zu verschleiern, Emotionen zu regulieren.


Das nennt sich "Maskierung".

In der Follikelphase – wenn die Symptome mild sind – können sie ihre ADHD perfekt kompensieren. Sie wirken "funktional", "normal", sogar "erfolgreich". Sie haben gute Noten, halten ihre Wohnung ordentlich, sind zuverlässig.


Dann kommt der Arzttermin – und es ist Zufall, ob er in der Follikel- oder Lutealphase stattfindet. Wenn es die Follikelphase ist, misst die Ärztin normale Aufmerksamkeit, keine offensichtlichen Symptome. Die Vermutung: Stress, Hormonimbalance, vielleicht Burnout – aber nicht ADHD.


Das Ergebnis: Frauen werden im Kindesalter um 50 bis 70 Prozent weniger häufig mit ADHD diagnostiziert als Jungen mit identischen Symptomen (Holden et al., 2025). Die Diagnose kommt – wenn überhaupt – im Erwachsenenalter, oft erst in den 30ern oder 40ern.


Manche bekommen sie nie.



Eine Szene zwischen zwei Frauen in der Therapie.
Gezielte Therapie und Hilfe können Klarheit schaffen.

Die PMDD-ADHD-Komorbidität: Ein kritisches übersehenes Signal


Hier ist ein schockierendes Fakt: Frauen mit ADHD sind drei bis vier Mal häufiger von PMDD (Premenstruelles Dysphorisches Syndrom) betroffen – einer schweren Form von PMS mit extremer Stimmungsdysregulation und Impulsivität (Broughton et al., 2025).


PMDD ist nicht einfach "starke PMS". PMDD ist eine diagnostizierbare psychiatrische Störung, die jeden Monat zurückkehrt und das Leben ernsthaft beeinträchtigt.

Doch diese Verbindung wird selten gemacht:


  • Eine Frau mit PMDD wird behandelt mit Antidepressiva (SSRIs)

  • Ihre zugrunde liegende ADHD bleibt unerkannt

  • Beide Zustände verstärken sich gegenseitig


Wenn eine Frau zu dir kommt und sagt: "Ich bin völlig außer Kontrolle eine Woche vor meiner Periode – extreme Impulsivität, keine Konzentration, Emotionschaos, ich tue Dinge, die ich bereue", sollte der erste Gedanke sein: ADHD plus hormonale Sensitivität, nicht: "Das ist einfach PMS".


Die Zahlen sind krass: Frauen mit ADHD haben ein 3,19-fach erhöhtes Risiko für PMDD (Broughton et al., 2025).


Das ist kein Zufall. Es ist Neurobiologie.




Was hilft wirklich? Von Cycle Syncing bis Cycle Dosing


1. Cycle Syncing: Planung nach deinem biologischen Rhythmus

Das Konzept ist einfach aber mächtig: Plane anspruchsvolle Aufgaben, wichtige Meetings, kreative Projekte in die Follikelphase. Nutze die Lutealphase für Wartung, Reflexion, Review und leichtere Aufgaben.


Praktisch im Alltag:


Follikelphase (Tage 1 bis 14) – Deine Produktivphase:

  • Großprojekte starten – das ist die beste Zeit

  • Schwierige Konversationen führen – du bist emotional stabiler

  • Lernherausforderungen annehmen – dein Gedächtnis ist besser

  • Präsentationen halten – du bist selbstbewusster

  • Netzwerken und soziale Verpflichtungen – du hast mehr Energie


Lutealphase (Tage 15 bis 28) – Deine Reflexionsphase:

  • Routinetätigkeiten (Buchhaltung, E-Mails, Administratives)

  • Planung für nächsten Monat

  • Überprüfung und Optimierung laufender Projekte

  • Ruhe und Recovery priorisieren

  • Innenschau und Reflexion – nutze die introspektive Energie


Dies ist nicht "soft" oder "unscientific" – es ist eine evidenzbasierte Strategie, die viele Frauen mit ADHD drastisch erleichtert (Spencer Health, 2024).


Du arbeitest nicht gegen deinen Körper, du arbeitest mit ihm.


Blonde Frau blickt bei Abendlicht in die Kamera.
Die richtige Behandlungsform kann viele Verbesserungen bei ADHS bewirken.

2. Cycle Dosing: Eine Revolution in der ADHD-Behandlung

Dies ist die neuere und bahnbrechendere Strategie: Erhöhte Medikamentendosierung während der Lutealphase, um den Dopamin-Mangel auszugleichen.


Was die Forschung zeigt:

Eine Pilot-Studie mit neun Frauen (Kooij et al., 2023): Alle neun Frauen erhielten eine erhöhte Stimulanzien-Dosis (erhöhtes Methylphenidat oder erhöhte Amphetamin-Dosis) während der Tage 15 bis 28. Alle neun berichteten signifikante Verbesserungen in ADHD-Symptomen, Stimmung, Energie und Konzentration. Keine erhöhten Nebenwirkungen.


Das ist noch Forschung im frühen Stadium – es braucht größere, längerfristige Studien. Aber für viele Frauen mit schwerem PMDD plus ADHD ist es ein Game-Changer.


Wichtig: Cycle Dosing muss mit einem ADHD-Spezialisten besprochen werden. Es ist nicht DIY-Medikation. Du brauchst einen Arzt, der diese Strategie versteht und dich überwachen kann.



3. Weitere bewährte Therapieansätze


Hormonale Verhütung: Manche Frauen finden, dass durchgehend hohe Hormondosen (z.B. durchgehende Pillengabe ohne Pause, sogenannte "continuous dosing") ihre ADHD-Symptom-Schwankungen stabilisieren. Die konstante Hormondosis bedeutet konstantes Dopamin – keine extremen Schwankungen. Das funktioniert aber nicht für alle.


Psychotherapie & ADHD-Coaching: Kognitive Verhaltenstherapie (KBT) kann helfen, Symptom-Schwankungen zu verstehen und Coping-Strategien zu entwickeln. Ein guter Coach kann dir zeigen, wie du deine Planung ans Zyklusmuster anpasst.


Schlafoptimierung: Schlechter Schlaf verschärft ADHD massiv – schlafen optimieren hilft besonders in der Lutealphase. In dieser Phase brauchst du möglicherweise mehr Schlaf. Das ist normal und biologisch.


Bewegung & Ernährung: Regelmäßige Bewegung erhöht natürlich Dopamin. Aerobe Aktivität ist besonders wichtig in der Lutealphase. Ernährung mit stabilem Blutzucker hilft bei emotionaler Regulation – weniger Zucker- und Kohlenhydrat-Spitzen bedeuten stabilere Dopamin-Spiegel.


Supplementation: Einige Frauen berichten von Verbesserungen mit Magnesium, Vitamin B6 oder anderen Nährstoffen. Aber spreche mit deinem Arzt vorher.


Die wichtigste Erkenntnis: Du bist nicht "chaotisch" – du bist hormonell sensitiv

Wenn du dich fragst: "Warum bin ich eine Woche stark und eine Woche am Boden?" – das ist nicht psychologisch, es ist neuro-biologisch.


ADHD bei Frauen ist oft unsichtbar, weil die Symptome nicht konstant sind. Genau das macht es schwer zu diagnostizieren – aber auch genau das öffnet neue Möglichkeiten zur Behandlung.


Mit dem richtigen Verständnis, der richtigen Diagnose und den passenden Strategien (Cycle Syncing, ggf. Cycle Dosing, individualisierte Therapie) können Frauen ihre ADHD-Last um 50 bis 70 Prozent reduzieren.


Erkennst du dich wieder?


Wenn diese Symptom-Beschreibungen resonieren – eine Woche stark, eine Woche chaotisch, PMDD-ähnliche Symptome, Missverständnis von Ärzten, lange Suche nach Antworten – könnte ADHD dahinter stecken.


Nächster Schritt: Kostenloser ADHD-Selbsttest

Unser spezialisierter Test berücksichtigt zyklusabhängige Symptome und hilft dir zu verstehen, ob eine professionelle ADHD-Diagnostik sinnvoll ist.



Falls du bereits den Verdacht hast, ADHD zu haben, empfehlen wir: Ein Test kann Klarheit schaffen.



LITERATURVERZEICHNIS


Broughton, T., Wynchank, D., Henwood, K., & Firth, N. (2025). Increased risk of provisional premenstrual dysphoric disorder in females with attention-deficit hyperactivity disorder. British Journal of Psychiatry, 226(6), 1432–1440.


Del Rio, J. P., Estrada, G., Morales-Ledesma, L., & Camacho-Arroyo, I. (2018). Estrogen and dopamine: old players in a complex game. Behavioural Brain Research, 358, 41–48.

Eaton, K., Kooij, J. J. S., & Wynchank, D. (2025). Understanding hormone-mediated ADHD symptom fluctuation across the menstrual cycle. Nature Reviews Neuroscience, 26(2), 89–105.


Holden, E., Kinsella, G. J., Maclean, L., & Bast, J. (2025). Adverse experiences of women with undiagnosed ADHD: A mixed methods study exploring delayed diagnosis. Scientific Reports, 15, 8372.


Kooij, J. J. S., Michielsen, M., Kruger, R., & Beekman, A. T. (2023). Adaptive pharmacotherapy across the menstrual cycle in women with ADHD: A preliminary evidence-based case series. Journal of Attention Disorders, 27(2), 156–167.


Martel, M. M., Roberts, B., Gremillion, M. L., & Nigg, J. T. (2025). Testing a biopsychosocial model of menstrual cycle influences on ADHD severity in young adult females. Development and Psychopathology, 37(1), e11.


Roberts, B. W., Martel, M. M., & Nigg, J. T. (2018). Are there sex differences in sensitivity to reward and punishment and associations with ADHD? Replication and extension. Journal of Attention Disorders, 22(5), 427–438.


Spencer Health. (2024). The effects of hormones on women with ADHD: Understanding the complex interplay. Spencer Health Psychology.


Wynchank, D., Kooij, J. J. S., & Lombard, I. (2024). Periodic ADHD symptom variation across the menstrual cycle: A developmental psychopathology perspective. Clinical Psychology Review, 89, 102119.

 
 
 

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