test-adhs

Autismus

AuDHS bei Frauen: warum ADHS und Autismus so oft übersehen werden

Von David Beck · · ca. 9 Min. Lesezeit

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du hast dein Leben lang das Gefühl gehabt, irgendwie anders zu sein – und gleichzeitig alles daran gesetzt, dass es niemand merkt. Du hast funktioniert, dich angepasst, Strategien entwickelt, die von außen nach Stärke aussehen, aber dich innerlich erschöpfen. Vielleicht hast du schon eine Diagnose – Angststörung, Depression, vielleicht sogar ADHS – aber das Bild fühlt sich trotzdem unvollständig an. Wenn das vertraut klingt, könnte es sein, dass bei dir AuDHS bei Frauen übersehen wurde: das gleichzeitige Vorliegen von ADHS und Autismus, eine Kombination, die bei Frauen systematisch zu spät oder gar nicht erkannt wird.

Eine junge Frau im geblümten Kleid sitzt nachdenklich am offenen Fenster im warmen Abendlicht und blickt still nach unten – Sinnbild für das lange Übersehenwerden von Frauen mit AuDHS.

AuDHS bei Frauen: Warum die Kombination aus ADHS und Autismus so oft übersehen wird

AuDHS bei Frauen ist kein Randphänomen – es ist ein Versorgungsproblem. Die Kombination aus ADHS und Autismus-Spektrum-Störung wird bei Frauen besonders häufig erst im Erwachsenenalter erkannt, manchmal erst in den Vierzigern oder Fünfzigern, manchmal gar nicht.

Das liegt nicht daran, dass die Symptome nicht da wären. Es liegt daran, wie wir als Gesellschaft Neurodivergenz wahrnehmen – und wen wir uns dabei vorstellen. Das Bild, das in Köpfen entsteht, wenn jemand „ADHS" oder „Autismus" sagt, ist selten das einer erwachsenen Frau. Gendernormen und Stereotype tragen dazu bei, dass weibliche Neurodivergenz abgetan oder fehlinterpretiert wird (Craddock 2024).

Viele Frauen erhalten über Jahre andere Diagnosen, bevor jemand die Kombination aus ADHS und Autismus überhaupt in Betracht zieht. Die kombinierte AuDHS-Diagnose bei Frauen ist bislang kaum erforscht – das ist kein kleines Manko, sondern ein zentrales Versorgungsproblem (Craddock 2024).

Was ist AuDHS? ADHS und Autismus als gleichzeitige Diagnose

AuDHS – manchmal auch AuDHD geschrieben – bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von ADHS und einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Lange Zeit galt das als diagnostisch unmöglich: Im alten DSM-IV war es schlicht nicht erlaubt, beide Diagnosen gleichzeitig zu vergeben. Diese Einschränkung ist längst aufgehoben, aber sie hat Spuren hinterlassen – in den Köpfen vieler Fachleute und in den Diagnosegewohnheiten der Praxis.

Beide Diagnosen schließen sich nicht aus. Sie können sich überlappen, gegenseitig beeinflussen und ein Bild erzeugen, das weder dem klassischen ADHS-Bild noch dem klassischen Autismus-Bild entspricht. Das macht die Erkennung schwieriger – besonders bei Frauen, deren Symptome sich ohnehin anders zeigen als bei Männern (Kooij et al. 2025).

Ein wichtiger Hinweis aus der Forschung: Bei Menschen, die erst im Erwachsenenalter eine Autismus-Diagnose erhalten, waren ADHS und Sprachentwicklungsstörungen häufige Vordiagnosen (Davidovitch et al. 2022). Das bedeutet: Wenn du bereits eine ADHS-Diagnose hast, ist das kein Ausschlusskriterium für Autismus – es könnte sogar ein Hinweis sein, dass das Bild noch nicht vollständig ist.

Mehr dazu, was AuDHS genau bedeutet und wie sich die beiden Diagnosen gegenseitig beeinflussen, findest du im AuDHS-Artikel.

Warum AuDHS bei Frauen übersehen wird: Masking, Camouflaging und Gendernormen

Hier liegt ein Kern des Problems: Frauen lernen früh, sich anzupassen. Das ist keine Schwäche – es ist eine Reaktion auf soziale Erwartungen, die von klein auf vermittelt werden. Sei ruhig. Sei freundlich. Füge dich ein. Sei nicht zu viel.

Für neurodivergente Mädchen und Frauen bedeutet das oft jahrzehntelanges Camouflaging – das aktive Verbergen von Unterschieden, um dazuzugehören. Camouflaging ist bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern (Ai, Cunningham & Lai 2024). Es kostet enorm viel Energie, und es funktioniert oft gut genug, dass niemand fragt, wie es wirklich aussieht.

Masking ist dabei mehr als eine Strategie – es ist eine gendered Last. Frauen passen sich an, weil sie es müssen, weil die sozialen Kosten des Auffallens für sie höher sind. Die Folgen sind belastend: Erschöpfung, Identitätsverlust, das Gefühl, nie wirklich man selbst zu sein (Craddock 2024).

Bei erwachsenen Frauen mit milder ADHS zeigen sich Camouflaging, Überanpassung und Rumination als besonders zentrale Muster (Toda et al. 2024). Das Grübeln – das Immer-wieder-Durchgehen von Situationen, das Fragen, ob man etwas falsch gemacht hat – ist dabei nicht nur ein Symptom. Es ist auch eine Folge des ständigen Anpassungsdrucks.

Und die psychischen Kosten sind real: Camouflaging hängt über internalisiertes Stigma und soziale Angst mit schlechteren psychischen Gesundheitsfolgen zusammen (Ai, Cunningham & Lai 2024). Wer jahrelang so tut, als wäre alles in Ordnung, zahlt dafür einen Preis.

Die Fehldiagnosen-Odyssee: Was Frauen vor der AuDHS-Diagnose oft erhalten

Viele Frauen, die schließlich eine AuDHS-Diagnose erhalten, blicken auf eine lange Geschichte von Diagnosen zurück, die nie ganz gepasst haben.

Eine dänische Registerstudie mit über 2000 Menschen, die erst im Erwachsenenalter eine Autismus-Diagnose erhielten, zeigt: ADHS, affektive Störungen sowie Angst- und Stressstörungen waren die häufigsten Diagnosen, die diese Menschen bereits in der Kindheit erhalten hatten (Rødgaard et al. 2021). Gleichzeitig hatte die Mehrheit dieser Gruppe in der Kindheit keine der untersuchten Diagnosen erhalten – war also schlicht durchs Raster gefallen (Rødgaard et al. 2021).

Das ist ein wichtiger Befund: Nicht erkannt zu werden ist der häufigste Fall, nicht die Ausnahme.

Bei spät diagnostiziertem Autismus waren Sprachentwicklungsstörungen und ADHS besonders häufige Vordiagnosen, und es zeigen sich deutliche Geschlechtsunterschiede in den Symptomen und in den Diagnosen, die vorher gestellt wurden (Davidovitch et al. 2022).

Was Frauen typischerweise hören, bevor jemand AuDHS in Betracht zieht:

  • „Du bist einfach sehr sensibel."
  • „Das ist eine Anpassungsstörung."
  • „Du hast eine Angststörung."
  • „Du bist erschöpft – Burnout."
  • „Das ist eine rezidivierende Depression."

Diese Diagnosen sind nicht falsch im Sinne von erfunden – die Symptome sind real. Aber sie erklären nicht, warum die Behandlung nie wirklich greift. Gendernormen und Stereotype tragen dazu bei, dass das Gesamtbild nicht gesehen wird (Craddock 2024).

Hormone und Lebensphasen: Zyklus, Schwangerschaft und Perimenopause als Verstärker

Einer der wichtigsten – und am häufigsten übersehenen – Faktoren bei Autismus und ADHS bei Frauen ist der Einfluss von Hormonen.

Östrogen und Progesteron interagieren direkt mit den dopaminergen Bahnen im Gehirn – also genau den Systemen, die bei ADHS betroffen sind. Das bedeutet: Hormonelle Schwankungen sind keine Nebensache, sie beeinflussen die ADHS-Symptomatik unmittelbar (Kooij et al. 2025).

Hormonelle Übergänge wie Pubertät, Zyklus, Schwangerschaft und vor allem die Perimenopause verstärken ADHS-Symptome und Stimmungsschwankungen (Kooij et al. 2025). Frauen mit ADHS haben zudem eine erhöhte Anfälligkeit für PMDD (prämenstruelle dysphorische Störung) und postpartale Depression (Kooij et al. 2025).

Besonders die Perimenopause ist ein häufiger Auslöser dafür, dass Frauen nach Jahren des Übersehens endlich eine Diagnose suchen (Craddock 2024). Der Östrogenspiegel sinkt, die bisherigen Kompensationsstrategien greifen nicht mehr, und plötzlich ist das, was jahrelang „irgendwie funktioniert" hat, nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Viele Frauen beschreiben diesen Moment so: „Ich war immer schon so – aber jetzt kann ich es nicht mehr verstecken." Das ist kein Versagen. Das ist Biologie, die auf ein System trifft, das nie die richtige Unterstützung bekommen hat.

Mehr zu den Zusammenhängen zwischen Hormonen und ADHS-Symptomen findest du unter Hormonzyklus & ADHS.

Woran erkenne ich AuDHS bei mir? Anzeichen aus der Perspektive betroffener Frauen

Kein Artikel kann eine Diagnostik ersetzen, und eine Selbstdiagnose ist kein Ziel. Aber es kann helfen zu wissen, welche Muster typisch sind – nicht um dich in eine Schublade zu stecken, sondern um zu verstehen, warum du vielleicht das Gefühl hast, dass etwas nicht stimmt.

Häufige Muster bei Frauen mit AuDHS:

  • Ständiges Gefühl, anders zu sein – aber gelernt zu haben, es zu verbergen. Du weißt, wie du dich verhalten sollst, aber es fühlt sich nicht natürlich an (Craddock 2024; Ai, Cunningham & Lai 2024).
  • Überanpassung und Rumination: Du passt dich an, bis du erschöpft bist, und grübelst danach stundenlang über Situationen nach (Toda et al. 2024).
  • Zunahme von Symptomen in hormonellen Umbruchphasen – besonders in der Perimenopause, aber auch prämenstruell oder nach der Geburt eines Kindes (Kooij et al. 2025; Craddock 2024).
  • Vorherige Diagnosen, die das Gesamtbild nicht erklären: Angststörung, Depression, Burnout – du wurdest behandelt, aber das Grundgefühl bleibt (Rødgaard et al. 2021; Davidovitch et al. 2022).
  • Innere Erschöpfung durch das Aufrechterhalten einer Fassade: Du wirkst nach außen kompetent und organisiert, aber es kostet dich alles (Craddock 2024; Ai, Cunningham & Lai 2024).

Wenn du mehrere dieser Punkte kennst, ist das kein Beweis für AuDHS – aber es ist ein guter Grund, genauer hinzuschauen.

Was eine fundierte AuDHS-Diagnostik bringt – und warum sie sich lohnt

Eine fundierte Diagnostik bei AuDHS-Verdacht bedeutet nicht, einfach zwei Checklisten abzuhaken. Sie bedeutet, die Wechselwirkung von ADHS und Autismus gemeinsam zu betrachten – nicht als zwei getrennte Probleme, sondern als ein Bild (Craddock 2024; Davidovitch et al. 2022).

Was eine gute Diagnostik leisten kann:

Jahrelange Selbstzweifel beenden. Viele Frauen beschreiben die Diagnose nicht als Schock, sondern als Erleichterung. Endlich gibt es einen Rahmen für das, was sie ihr ganzes Leben gespürt haben. Die eigene Biografie lässt sich neu verstehen – nicht als Reihe von Versagen, sondern als Geschichte eines Gehirns, das nie die passende Unterstützung bekommen hat (Craddock 2024).

Gezielte Unterstützung wird möglich. Von Strategien gegen Masking-Erschöpfung über Hormonphasen-Management bis zu konkreten Alltagsanpassungen – ohne Diagnose bleibt vieles Stochern im Nebel (Kooij et al. 2025; Ai, Cunningham & Lai 2024).

Die späte Diagnose ist kein individuelles Versagen. Sie ist ein strukturelles Problem der Versorgung (Kooij et al. 2025; Craddock 2024). Dass du so lange nicht erkannt wurdest, sagt nichts über dich aus – aber es sagt viel darüber aus, wie das System mit Frauen umgeht.

Wenn du wissen möchtest, wie eine solche Diagnostik aussieht, findest du mehr Informationen unter ADHS-Diagnostik und Autismus-Diagnostik. Du kannst auch ein kostenloses Erstgespräch vereinbaren, um zu schauen, ob und wie eine Abklärung für dich sinnvoll ist.


Häufige Fragen

Kann man AuDHS als Frau im Erwachsenenalter noch diagnostizieren? Ja, absolut. Eine Diagnose ist in jedem Alter möglich und sinnvoll. Viele Frauen erhalten ihre AuDHS-Diagnose erst in den Dreißigern, Vierzigern oder später – oft ausgelöst durch hormonelle Umbrüche wie die Perimenopause (Craddock 2024). Eine späte Diagnose ist kein Makel, sondern häufig der Beginn eines tieferen Selbstverstehens.

Warum wird AuDHS bei Frauen so oft übersehen? Weil das gesellschaftliche Bild von ADHS und Autismus männlich geprägt ist, und weil Frauen früh lernen, sich anzupassen und ihre Unterschiede zu verbergen. Camouflaging ist bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern (Ai, Cunningham & Lai 2024), und Gendernormen führen dazu, dass weibliche Neurodivergenz abgetan oder fehlinterpretiert wird (Craddock 2024). Dazu kommt, dass die kombinierte AuDHS-Diagnose bei Frauen bislang kaum erforscht ist.

Ist AuDHS dasselbe wie Hochsensibilität? Nein. Hochsensibilität ist kein klinisches Konzept und keine Diagnose. AuDHS bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von ADHS und einer Autismus-Spektrum-Störung – beides sind neurologische Entwicklungsbesonderheiten mit spezifischen Kriterien. Es kann Überschneidungen in der Wahrnehmung geben, aber Hochsensibilität erklärt weder die Ursachen noch die Auswirkungen von AuDHS und eignet sich nicht als Erklärungsrahmen für die Herausforderungen, die Frauen mit AuDHS erleben.

Welche Fehldiagnosen bekommen Frauen mit AuDHS häufig zuerst? Besonders häufig sind Angststörungen, Depressionen, affektive Störungen und Burnout (Rødgaard et al. 2021). Auch ADHS allein – ohne den Autismus-Anteil – ist eine häufige Vordiagnose bei Menschen, die später eine Autismus-Diagnose erhalten (Davidovitch et al. 2022). Diese Diagnosen beschreiben reale Symptome, erklären aber oft nicht, warum die Behandlung nicht nachhaltig wirkt.

Warum werden meine Symptome in den Wechseljahren plötzlich stärker? Weil Östrogen direkt mit den dopaminergen Bahnen interagiert, die bei ADHS betroffen sind. Wenn der Östrogenspiegel in der Perimenopause sinkt, verlieren viele Frauen die hormonelle Unterstützung, die ihre Symptome bislang mitreguliert hat (Kooij et al. 2025). Gleichzeitig greifen die bisherigen Kompensationsstrategien nicht mehr so gut. Das Ergebnis: Symptome, die jahrelang verborgen waren, werden plötzlich sichtbar – für die Betroffene selbst und manchmal auch für ihr Umfeld.

Quellen

  • Kooij, J. J. S. et al. (2025). Research advances and future directions in female ADHD. Frontiers in Global Women's Health, 6, 1613628. DOI
  • Craddock, E. (2024). Being a Woman Is 100% Significant to My Experiences of ADHD and Autism. Qualitative Health Research, 34(14), 1442–1455. DOI
  • Ai, W., Cunningham, W. A. & Lai, M.-C. (2024). Camouflaging, internalized stigma, and mental health in the general population. International Journal of Social Psychiatry, 70(7), 1239–1253. DOI
  • Rødgaard, E.-M. et al. (2021). Childhood diagnoses in individuals identified as autistics in adulthood. Molecular Autism, 12(1), 73. DOI
  • Toda, S. et al. (2024). The repressed life of adult female patients with mild ADHD. Frontiers in Psychiatry, 15, 1418698. DOI
  • Davidovitch, M. et al. (2022). Late diagnosis of autism spectrum disorder – journey, parents' concerns, and sex influences. Autism Research, 16(2), 294–301. DOI

Weiterlesen